Wenn das Museum zum Escape Game wird - Mein Besuch im LVR-Niederrheinmuseum Wesel

17.07.2026

Ein Museum besuchen oder ein Escape Game spielen? Normalerweise müsste ich mich entscheiden. Im LVR-Niederrheinmuseum Wesel geht jetzt beides gleichzeitig – und genau deshalb hat mich das neue Angebot sofort neugierig gemacht. Bevor ich jedoch zur Ermittlerin werde, entdecke ich zunächst das neukonzipierte Museum und merke schnell, dass Geschichte hier alles andere als trocken erzählt wird.

Bevor der Kriminalfall beginnt, nehme ich mir erst einmal Zeit für einen Rundgang durch das Museum. Dabei begleiten mich Museumsleiterin Corinna Endlich, der wissenschaftliche Referent Sven Seelig und Volontär Felix Knauff. Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, es gibt hier jede Menge zu erleben.

Ein Museum, das den Niederrhein erzählt

Der Rhein ist der Mittelpunkt des neuen Museumskonzepts. Er hat die Region über Jahrhunderte geprägt, Menschen und Waren verbunden und die Landschaft geformt. Auf mehr als 2.000 Quadratmetern erzählt das Museum die Geschichte des Niederrheins auf moderne Weise. Durch die Neukonzeptionierung des Museums laden viele interaktive Stationen dazu ein, selbst aktiv zu werden. Knöpfe drücken, Dinge ausprobieren oder spielerisch Informationen entdecken.

Im Obergeschoss wird der Blick schließlich in die Gegenwart der Kulturgeschichte am Niederrhein gelenkt. Es ist alles sehr farbenfroh gestaltet. Bräuche wie Karneval und Schützenfeste, Musik, Sprache und regionale Traditionen zeigen, wie lebendig der Niederrhein bis heute ist. Selbst der Weckmann oder der Stutenkerl hat hier eine besondere Rolle und gehört zum Brauchtum genauso dazu, wie die bunten Laternen zu Sankt Martin. Es gibt jede Menge zu Entdecken und ich bleibe nicht nur einmal überrascht stehen.

Ich merke schnell: Dieses Museum möchte nicht nur Vergangenheit bewahren, sondern die Identität einer ganzen Region vermitteln. „Wir haben diesen Bereich bewusst nicht als klassischen Zeitstrahl aufgebaut, sondern uns auf Themeninseln fokussiert“, erklärt Corinna ein Teil des Konzeptes. Dass dieser Ansatz funktioniert, zeigt sich auch an den vielen Besucherinnen und Besuchern seit der Wiedereröffnung.

Wissen wird hier nicht mit erhobenem Zeigefinger vermittelt, sondern auf eine moderne, leicht verständliche und interaktive Weise – in kleinen, gut verdaulichen Etappen, die Lust machen, immer weiter auf Entdeckungstour zu gehen.

Mammuts mitten in Wesel

Ein echter Hingucker erwartet mich schließlich im Untergeschoss. Gemeinsam mit dem GeoPark Ruhrgebiet e. V. wurde hier ein eigener Ausstellungsbereich geschaffen, der kostenlos besucht werden kann und sich ganz der Erdgeschichte des Niederrheins widmet. Plötzlich wird deutlich, wie anders unsere Region vor Millionen von Jahren einmal aussah.

Wo heute Radfahrer entlang des Rheins unterwegs sind, zogen einst Mammuts, Wollnashörner und Höhlenbären durch die Landschaft. 400 Millionen Jahre Erdgeschichte werden hier anschaulich erzählt. Besonders beeindruckt mich das riesige Mammut, das sofort alle Blicke auf sich zieht. Erst davor bekommt man eine Vorstellung davon, wie gewaltig diese Tiere gewesen sein müssen und wie sehr sich der Niederrhein im Laufe der Zeit verändert hat.

Interaktive Stationen laden auch hier zum Mitmachen ein und machen den Bereich besonders für Familien spannend.

Thomas Baumgärtel on tour

Bananen-Spraykunst on tour

Während meines Besuchs ist außerdem die Sonderausstellung von Thomas Baumgärtel zu sehen, die hier noch bis zum 27. September 2026 stationiert ist. Der Künstler, vielen durch seine berühmte Bananen-Spraykunst bekannt, präsentiert seinen Werkblock „Europa“.

Die Werke entstanden überwiegend in den frühen 1990er Jahren – einer Zeit, in der Europa nach dem Ende des Kalten Krieges politisch und gesellschaftlich im Umbruch war. Mit seiner unverwechselbaren Bildsprache, bei der die Banane sogar Teil des Sternenkranzes der Europäischen Union wird, setzt sich Baumgärtel mit der Idee eines vereinten Europas auseinander. Seine Arbeiten verbinden Hoffnung, Idealismus und kritische Denkanstöße. Gerade in Kombination mit der Dauerausstellung über den Niederrhein als Region mitten in Europa wirkt diese Präsentation besonders stimmig.

Doch so spannend Mammuts, Rhein und Niederrhein-Geschichte auch sind – insgeheim freue ich mich die ganze Zeit auf den Moment, an dem das Museum plötzlich zum Escape Game wird.

Tatort Museum

Nach unserem Rundgang wird es endlich „ernst“. An der Museumskasse erhalten ich und mein Fotograf drei große, geheimnisvolle Umschläge – das komplette Ermittlungsset für das neue Escape Game „MuseumsMysterien – Im Schatten des Raben“. Der Materialkostenbeitrag liegt bei fünf Euro, hinzu kommt lediglich der Museumseintritt. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren besuchen das Museum sogar kostenlos.

Danach führt mich der Weg in den Sonderausstellungsbereich im Untergeschoss. Dort befindet sich das eigentliche Detektivbüro – und plötzlich fühlt sich das Museum ganz anders an.

Ein QR-Code führt in die Geschichte ein, die mit einem spektakulären Diebstahl beginnt: Der wertvolle Orgonit, Herzstück einer neuen Ausstellung, ist verschwunden. Der berüchtigte Meisterdieb Corvo scheint wieder zugeschlagen zu haben. Polizeikommissar Henkel bittet um Unterstützung und ich werde kurzerhand selbst zur Ermittlerin.

Ich setze mich an den Schreibtisch im Detektivbüro, aktiviere den Bildschirm und bin mitten im Geschehen. Das ganze Museum verwandelt sich in einen Tatort – und jeder ist verdächtig.

Mit offenen Augen durchs Museum

Was mir sofort auffällt: Das hier ist kein klassischer Escape Game mit verschlossenen Türen. Vielmehr handelt es sich um ein gelungenes Hybridmodell aus Escape Room und Escape Spiel. Die komplette Ausstellungsfläche wird zum Spielfeld.

„Mit der Fläche zu interagieren, verändert den Museumsbesuch komplett“, ergänzt Museumsleiterin Corinna Endlich. „Perspektivisch ist das für uns sogar ein Testlauf. In zwei Jahren möchten wir in unserem historischen Gewölbe einen festen Escape Room integrieren. Wir wollen Museum immer wieder neu denken – die Neukonzeption der Ausstellung war dafür der erste Schritt.“ Und genau dieses neue Denken merkt man sofort.

Bis zu vier Gruppen können gleichzeitig spielen, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Einen festen Rundweg gibt es bewusst nicht. Stattdessen entscheide ich selbst, welchen Hinweisen ich zuerst nachgehe. Dadurch fühlt sich jede Ermittlung ein Stück weit individuell an.

Rätseln statt nur anschauen

Das Spiel besteht aus drei aufeinander aufbauenden Phasen, die jeweils in einem der Umschläge verborgen sind. Jede Phase dauert ungefähr 45 Minuten, insgesamt sollte man also etwa eineinhalb bis zwei Stunden einplanen.

Schon die erste Aufgabe macht deutlich: Hier reicht oberflächliches Anschauen nicht aus. Ich muss insgesamt in der ersten Phase acht Fragen beantworten, Hinweise sammeln und möglichst viele Details notieren. „Schreibt euch lieber alles auf“, bekomme ich als Tipp von Sven mit auf den Weg. „Man weiß nie, welche Information später noch einmal wichtig wird.“ Also beginne ich zu suchen.

Überall im Museum begegnen mir lebensgroße Pappfiguren der Verdächtigen. Jeder besitzt einen QR-Code, den ich mit dem Handy scanne. Das Smartphone ist hier ausdrücklich Teil des Spiels und wird schnell zum wichtigsten Ermittlungswerkzeug.

Besonders schön finde ich, dass alle Rollen von Mitarbeitenden des Museums selbst eingesprochen wurden, wie mir Sven verrät. Polizeikommissar Henkel wird beispielsweise von Volontär Felix Knauff gesprochen. Dadurch wirkt alles erstaunlich authentisch und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt.

Jedes Detail zählt

Je länger ich spiele, desto mehr merke ich, wie anders ich mich plötzlich durch die Ausstellung bewege. Ich schaue genauer hin. Bleibe länger vor Objekten stehen.

Suche nach kleinen Details, die mir bei einem normalen Museumsbesuch wahrscheinlich nie aufgefallen wären. Und genau darin liegt für mich der größte Reiz dieses Spiels.

Natürlich verrate ich euch keine Lösungen. Aber so viel kann ich sagen: Hinter Gemälden verstecken sich Hinweise, verschlossene Koffer mit Zahlenschlössern warten darauf geöffnet zu werden und immer wieder müssen Codes entschlüsselt werden. Mal hilft eine Information aus einer Vitrine weiter, mal führt erst die Aussage eines Verdächtigen auf die richtige Spur.

Insgesamt lerne ich acht Verdächtige und drei Zeugen kennen. Mit jeder gelösten Aufgabe verdichtet sich das Bild und ich beginne langsam zu ahnen, wem ich trauen kann – oder eben nicht.

Zwischendurch tausche ich mich immer wieder mit meinem Fotografen aus. Gerade das macht den Reiz aus: Jeder entdeckt andere Hinweise. Wer in einer Gruppe spielt, sollte sich ruhig aufteilen und verschiedene Spuren gleichzeitig verfolgen. Falls man doch einmal feststeckt, hilft das Serviceteam des Museums übrigens gerne mit kleinen Denkanstößen weiter.

Die Entstehung des Escape Games

Nach unserem Escape Game – wir haben den Verdächtigen erfolgreich enttarnt – interessiert mich, wie viel Arbeit hinter einem solchen Projekt steckt. „Wir haben rund ein halbes Jahr an dem Escape Game gearbeitet“, erzählt mir der wissenschaftliche Referent Sven Seelig. „Die erste Inspiration kam tatsächlich durch den spektakulären Kunstraub im Louvre in Paris.“

Von dort entwickelte das Museumsteam zunächst ein Storyboard. Anschließend übernahm jeder Mitarbeitende eine Figur und entwickelte deren Geschichte weiter. Nach und nach entstanden daraus Motive, Verdächtige, Alibis und schließlich die einzelnen Rätsel.

„Bei einer klassischen Ausstellung recherchieren wir historische Leihgaben oder wissenschaftliche Inhalte“, erzählt Corinna lachend. „Hier mussten wir plötzlich Kriminalgeschichten entwickeln, Verdächtige glaubwürdig beschreiben und überlegen, wie daraus spannende Rätsel entstehen. Das war für uns eine völlig neue Herausforderung.“

Immer wieder traf sich das Team, testete neue Ideen und ergänzte weitere Spielstationen. Herausgekommen ist ein erstaunlich komplexes Escape Game, das sich vor allem an Jugendliche ab zwölf Jahren und Erwachsene richtet.

Und die Ideen gehen bereits weiter: Bald soll sogar ein Escape-Spiel für Zuhause entstehen – ähnlich den bekannten Exit Games –, das sich hervorragend verschenken lässt.

Für Familien, Freunde und Teams

Das Konzept richtet sich an ganz unterschiedliche Zielgruppen. Familien können gemeinsam auf Spurensuche gehen, Freundesgruppen sich gegenseitig beim Rätseln herausfordern und auch als Teamevent dürfte das Escape Game hervorragend funktionieren.

Besonders gelungen finde ich, dass keine Vorkenntnisse erforderlich sind. Wer aufmerksam beobachtet und Spaß am Kombinieren hat, wird bestens unterhalten sein. Gleichzeitig lernt man ganz nebenbei jede Menge über den Niederrhein und seine Geschichte.

Genau das macht den besonderen Reiz aus: Bildung und Unterhaltung schließen sich hier nicht aus, sondern ergänzen sich perfekt.

Mein persönliches Fazit

Ich verlasse das LVR-Niederrheinmuseum Wesel mit einem Lächeln – und dem Gefühl, Geschichte einmal auf eine völlig andere Art erlebt zu haben. Das Zusammenspiel aus interaktiver Ausstellung und Escape Game hat mir richtig Spaß gemacht und zeigt eindrucksvoll, wie modern Museumsarbeit heute aussehen kann.

Besonders beeindruckt hat mich, mit wie viel Liebe zum Detail das Spiel entwickelt wurde. Hier wurden nicht einfach Rätsel in eine Ausstellung integriert – vielmehr greifen Spiel und Museum perfekt ineinander und schaffen ein Erlebnis, das weit über einen klassischen Museumsbesuch hinausgeht.

Für mich als Escape-Room-Fan war das ein echtes Highlight. Man entdeckt die Ausstellung mit völlig anderen Augen und wird selbst Teil der Geschichte. Genau deshalb kann ich den Besuch jedem empfehlen, der gerne knobelt, Kultur einmal anders erleben oder einfach etwas Außergewöhnliches am Niederrhein entdecken möchte.

Gut zu wissen

Das Museum ist Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Cafébereich ist während der Museumszeiten geöffnet. Erwachsene zahlen sechs Euro, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Jeder 1. Freitag im Monat gilt: Eintritt frei für alle! Der Zugang zur Ausstellung „Erdgeschichte des Niederrheins“ im Untergeschoss ist kostenfrei.

Weitere Infos zum Escape Game gibt es hier.