Besondere Wanderrouten – Teil 26: Der Voltaire-Weg von Bedburg-Hau bis Kleve

20.02.2026

Manchmal sind es die kleinen Wege, die große Geschichten erzählen – und genau so ein Weg ist der Voltaire-Weg. Etwa sechs Kilometer führen mich Schritt für Schritt durch die Geschichte der Region, vorbei an Wäldern, Torfkuhlen und historischen Orten von Bedburg-Hau bis Kleve. Ich starte am Schloss Moyland und folge dem Weg bis zum Papenberg. Unterwegs begegne ich den Spuren großer Persönlichkeiten wie Voltaire, Friedrich II. und Johann Moritz von Nassau – eine Wanderung, die nicht nur die Beine bewegt, sondern auch den Kopf.

Start am Schloss Moyland

Bevor ich mich auf den Voltaire-Weg begebe, mache ich noch einen kleinen Abstecher zum Schloss Moyland in Bedburg-Hau, das nur wenige Minuten vom Weg entfernt liegt. Hier befindet sich auch eine große Infotafel, die mehr über den Verlauf und die Geschichte des Voltaire-Weg verrät.

Schon von außen beeindruckt das Schloss durch seine neugotische Architektur und die klare, symmetrische Anlage des Parks. Wer hierherkommt, merkt sofort: Geschichte wird hier greifbar.

Habt ihr gewusst, dass die erste urkundliche Erwähnung von Moyland bereits 1307 datiert? Im Laufe der Jahrhunderte wechselten die Besitzer mehrfach. Am 11. September 1740 wurde hier nicht nur Voltaire erstmals von Friedrich II. empfangen, sondern das Schloss diente auch immer wieder als Treffpunkt europäischer Gelehrter und Politiker. Später, im 19. Jahrhundert, ließ Ernst Friedrich Zwirner, der Kölner Dombaumeister, das Schloss im neu-gotischen Stil umbauen – ein architektonisches Highlight.

Ein Park für alle Sinne

Auch die Parkanlage ist nach historischen Vorbildern gestaltet. Ein Kräutergarten mit Pflanzen aus aller Welt, darunter Heilkräuter nach Hildegard von Bingen, verströmt einen intensiven Duft, der den Spaziergang besonders macht. Für Kinder gibt es ein Baumhaus mit Klettermöglichkeiten und einem Flying Fox, während weitläufige Wege zum Verweilen und Schlendern einladen. Besonders beliebt sind der Blumengarten mit Rosen, der berühmte Hainbuchen-Gang und über 70 Skulpturen, die von kleinen Kunstwerken bis zu monumentalen Installationen reichen – perfekte Fotomotive inklusive der rund 530 Hortensiensorten, die bis zum Sommer blühen.

Ich genieße den Moment, spaziere kurz durch den Park und stelle mir vor, wie Voltaire hier entlangschritt und die Anlage bewunderte.

Moderne Kunst im Fokus

Mein Tipp: Nehmt euch Zeit für einen Besuch im Museum. Jedes Mal beindruckt mich hier die Verbindung von Geschichte und moderner Kunst aufs Neue. Die Stiftung Museum Schloss Moyland besitzt mit rund 6.000 Werken die weltweit größte Sammlung und ein international bedeutendes Forschungszentrum dieses einflussreichen Künstlers. Die einzigartigen Werke von Joseph Beuys, Sonderausstellungen und wissenschaftliche Projekte machen das Museum zu einem lebendigen Ort der kulturellen Begegnung.

Für mich ist dieser Schloss Moyland-Abstecher wie ein kleines „Eintreten in die Geschichte“, das Ideen, Kunst und Landschaft miteinander verbindet, bevor es hinaus auf die etwa sechs Kilometer lange Wanderung geht.

Wer war Voltaire?

Habt ihr gewusst, dass Voltaire – mit bürgerlichem Namen Francois-Marie Arouet – nicht nur Philosoph, sondern auch politischer Berater, Schriftsteller, Satiriker und brillanter Netzwerker war? Seine Begegnung mit Friedrich II. von Preußen auf Schloss Moyland war kein Zufall, sondern Teil eines geistigen Austauschs, der Europa verändern sollte. Friedrich II., selbst ein Anhänger der Aufklärung, suchte den Dialog mit Denkern seiner Zeit – und Voltaire war einer der schärfsten Köpfe.

Kleve spielte dabei eine besondere Rolle. Die Stadt galt im 18. Jahrhundert als modern, weltoffen und gartenkünstlerisch herausragend. Johann Moritz von Nassau-Siegen hatte mit Terrassen, Alleen und Sichtachsen eine Kulturlandschaft geschaffen, die weit über den Niederrhein hinaus bewundert wurde. Voltaire selbst verglich die Anlagen mit den Champs-Élysées und lobte die Fernsicht, die er für besser hielt als jene bei Meudon nahe Paris.

Informationsstelen auf dem Weg

Auf der großen Infotafel am Schloss Moyland wird ersichtlich, dass es entlang des Voltaire-Weges Informationsstelen gibt. Diese stellen den Namensgeber des Weges und besondere Sehenswürdigkeiten vor. Eine Stele befindet sich schon in Sichtweite – die Evangelische Schlosskirche Moyland. Die kleine, weiße Kirche ließ Alexander van Spaen, der damalige Besitzer von Schloss Moyland, 1683 eigens für die reformierte Gemeinde errichten. Still liegt sie zwischen Bäumen – ein fast poetischer Ort.

Durch den Moyländer Wald – Sternwege und alte Postrouten

Von hier aus gehen wir nur ein paar Schritte, um die Straße zu überqueren. Wir halten uns rechts und biegen kurze Zeit später in die Zufahrtsstraße, eine kleine Allee, zum Katzenbuckel. Der Wegweiser „Voltaire-Weg“ zeigt uns neben der Route in der App Outdooractive ebenfalls den richtigen Weg.

Auch hier befindet sich eine Stele. Sie erklärt, dass der eben erwähnte Alexander van Spaen sich den Klever Landschaftspark zum Vorbild nahm und in der näheren Umgebung u.a. Alleen anlegen ließ. Der Katzenbuckel, der mit 48 Metern über NN eine der höchsten Erhebungen dieser Region ist, wurde auch als Moylandse Berg bezeichnet. Spaen gestaltete ihn als Aussichtspunkt mit sternförmig angelegten Wegen, ebenfalls nach dem Vorbild des Klever Sternbergs. Der damalige Besitzer von Schloss Moyland war damals lange in der brandenburgischen Regierung in Kleve der Stellvertreter von Johann Moritz von Nassau-Siegen, dessen Grab wir am Ende des Voltaire-Weges ebenfalls erreichen.

Torfkuhlen und stille Wasser – Naturgeschichte zum Anfassen

Wir folgen dem Weg weiter und gelangen in den Rosendaler Wald. Hier verändert sich die Stimmung spürbar. Der Boden wird feuchter, links und rechts liegen wassergefüllte Torfkuhlen, stille Zeugnisse früherer Torfgewinnung. Das Wasser spiegelt den Himmel, Vögel huschen durch das Geäst, und ich merke, wie ruhig es hier ist.

Habt ihr gewusst, dass diese Landschaft durch die Saale-Eiszeit vor rund 200.000 Jahren geprägt wurde? Die eiszeitlichen Strauchmoränen formen bis heute Höhen und Niederungen – und machen diese Route so abwechslungsreich.

Haus Rosendal und der Weg nach Bedburg-Hau

Wir überqueren nochmal eine Straße und entdecken die nächste Stele – Haus Rosendal, eine gut erhaltene Landwehranlage, die Graf Adolf II. um 1400 errichten ließ. Solche befestigten Häuser dienten einst dem Schutz von Siedlungen und Verkehrswegen. Heute sind sie stille Zeugen einer bewegten Zeit.

Kurz darauf erreichen wir Bedburg-Hau. Wir überquere den Johann-van-Aken-Ring und stehen an einer weiteren großen Station mit Infotafel: Gemeindezentrum und Rathaus. Hier zeigt sich der Voltaire-Weg von seiner kulturlandschaftlichen Seite – Dorfkern, Kirche, Geschichte dicht beieinander.

Die St. Markus Kirche erinnert an das frühere Kloster und Stift Bedburg. Ein Ort, an dem deutlich wird, wie sehr Religion, Macht und Landschaft hier über Jahrhunderte miteinander verwoben waren.

Ein Weg durch Jahrtausende – warum diese Landschaft so besonders ist

Während wir weiter Richtung Papenberg gehen, wird mir noch einmal bewusst, dass der Voltaire-Weg nicht zufällig genau hier verläuft. Diese Landschaft war schon früh ein bevorzugter Lebensraum. Archäologische Funde belegen, dass bereits in der Römerzeit Menschen diese Höhenzüge nutzten – nicht nur als Siedlungsraum, sondern auch als strategisch günstige Orte. Die leicht erhöhten Moränen boten Schutz vor Hochwasser, während die fruchtbaren Niederungen ideale Bedingungen für Landwirtschaft schufen.

Auch in der Frankenzeit hinterließ man hier Spuren. Wege, Höfe und frühe Kirchstandorte wie in Qualburg oder Bedburg zeugen davon, dass diese Region immer ein Knotenpunkt zwischen Handel, Glauben und Macht war. Viele der heutigen Wege folgen noch immer alten Trassen – teils römischen, teils mittelalterlichen Ursprungs. Wenn ihr also auf dem Voltaire-Weg unterwegs seid, lauft ihr buchstäblich auf Geschichte.

Geschichte, die man erwandert

Je näher wir dem Papenberg komme, desto stärker habe ich das Gefühl, eine Zeitreise abgeschlossen zu haben. Vom aufgeklärten Gedankenaustausch auf Schloss Moyland über mittelalterliche Landwehren, eiszeitliche Landschaftsformen und frühe Siedlungsspuren bis hin zu Johann Moritz von Nassau-Siegen, dessen Wirken Kleve bis heute prägt – all das verbindet dieser Weg.

Der Voltaire-Weg ist damit nicht nur eine Wanderroute, sondern ein begehbares Geschichtsbuch. Wer ihn aufmerksam geht, entdeckt weit mehr als schöne Landschaft: Er entdeckt Zusammenhänge.

Entlang des Schermgrabens – Richtung Qualburg

Hinter Bedburg-Hau folgen wir dem Voltaire-Weg weiter, nun entlang des von Schlehen und Weißdorn gesäumten Schermgrabens. Der Weg ist offen, fast sanft – links weite Blicke über Wiesen, rechts der ansteigende Höhenzug.

Wir nähern uns Qualburg, einer der ältesten Siedlungen am Niederrhein.
Habt ihr gewusst, dass hier römische Gräberfunde entdeckt wurden? Zwischen Qualburg und Schneppenbaum lag einst ein römisches Gräberfeld – ein weiterer Beweis dafür, wie lange diese Region schon besiedelt ist.

Die Voltaire-Stele – Blick zur Schwanenburg

Einer der eindrucksvollsten Momente dieser Wanderung ist für mich die Voltaire-Stele. Von hier aus sehe ich in der Ferne die Silhouette der Klever Schwanenburg, die sich über den Höhenzug erhebt.

Voltaire selbst beschrieb Kleve als einen Ort von außergewöhnlicher Schönheit. Er lobte die Gartenanlagen, die Fernsicht und schrieb, dass die Landschaft ihn mehr beeindruckt habe, als manche berühmte Aussicht bei Paris. Wenn man hier steht, kann man das gut nachvollziehen.

Loosenhof und Hauer Straße – zurück Richtung Papenberg

Der Weg führt uns weiter vorbei am Loosenhof, einem der neun markanten Punkte entlang des Voltaire-Wegs. Kurz darauf erreichen wir die Hauer Straße, überqueren sie und gehen links, später wieder rechts – hier hilft die gute Beschilderung mit Stelen und markierten Findlingen.

Ich spüre, dass ich mich Kleve nähere. Der Weg wird städtischer, ohne seinen Charme zu verlieren.

Ziel Papenberg – Fürst Moritz und der Blick zurück

Am Ende unserer Wanderung stehen wir am Papenberg, am Grabmal von Johann Moritz von Nassau-Siegen. Hier waren wir bereits zweimal für den Blog und jedes Mal bin ich von der besonderen Aura dieses Ortes fasziniert. Auch wenn er später nach Siegen überführt wurde, erinnert dieses Grabmal an den Mann, der Kleve nachhaltig prägte – als Stadtgestalter, Mäzen und Visionär.

Von hier aus lässt sich der Blick noch einmal schweifen. Etwas mehr als sechs Kilometer voller Geschichte, Natur und Gedanken liegen hinter uns,

Mein Fazit

Der Voltaire-Weg ist mehr als ein Spaziergang. Er ist eine Reise durch Eiszeiten, Aufklärung und niederrheinische Kulturlandschaft. Andersherum gegangen, vom Schloss in Richtung Stadt, entfaltet er einen ganz eigenen Rhythmus. Wer sich Zeit nimmt, entdeckt hier nicht nur historische Orte – sondern auch überraschend viele stille Momente.

Ein Weg für Kopf, Herz und Füße.