Erlebnis.Niederrhein 4.0: Zwischen Förderturm und Schlossmauern - Unterwegs in Moers

14.08.2026

Wer am Niederrhein aufwächst, kennt das: Manchmal übersieht man die spannendsten Ecken, weil sie einfach schon immer da waren. Doch unsere Region verändert sich. Unter dem Label „Erlebnis.Niederrhein 4.0“ wurde ein Konzept umgesetzt, das unsere Geschichte fit für das digitale Zeitalter macht, ohne den typischen, ehrlichen Charme der Region zu verwässern. Meine Entdeckungstour hat mich deshalb an zwei Orte in Moers geführt, die auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, wie lebendig Geschichte am Niederrhein bis heute ist: die ehemalige Schachtanlage Rheinpreussen mit Schacht IV und das Moerser Schloss mit seinem Schlosspark.

Mehr erleben am Niederrhein

Der Niederrhein ist reich an Geschichte. Burgen, Schlösser, Museen oder ehemalige Industrieanlagen erzählen von vergangenen Jahrhunderten und prägen bis heute das Gesicht der Region. Doch Hand aufs Herz: Wie oft läuft man durch solche Orte, liest vielleicht eine Infotafel und geht anschließend wieder nach Hause?

Genau hier setzt das Projekt „Erlebnis.Niederrhein 4.0“ an. Hinter dem Namen verbirgt sich kein trockenes Marketingprojekt, sondern eine echte, langfristig angelegte Tourismusstrategie für den Kreis Wesel. Das Ganze ist sogar als Pilotprojekt gedacht, das später als Vorbild für die gesamte Region Niederrhein dienen soll. Gefördert wird das Vorhaben durch das Land Nordrhein-Westfalen und den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Modernes Storytelling im Fokus

Insgesamt sind im Rahmen dieses EFRE-Förderprojekts maßgeschneiderte Angebote für 38 attraktive Erlebnisorte in den 13 Kommunen des Kreises entstanden. Diese Orte funktionieren wie individuelle Bausteine. Man muss sich nicht an starre Routen halten, sondern kann sich als Besucher seinen ganz persönlichen Reiseplan flexibel zusammenbauen.

Was ich daran besonders spannend finde: Das Projekt setzt konsequent auf modernes Storytelling. Es geht um Geschichten statt bloßer Fakten und um echte Emotionen statt nüchterner Aufzählungen. Die Besonderheiten der Natur- und Kulturlandschaft werden hervorgehoben, regionale Traditionen gestärkt und lokale Produkte der Genussregion Niederrhein sichtbarer gemacht.

Das Schöne daran ist, dass das Projekt nicht nur für Touristen von außerhalb gedacht ist. Es soll vor allem uns, die wir hier leben, wieder neu für unsere eigene Heimat begeistern und uns zeigen, was für Schätze direkt vor unserer Nase liegen.

Analog trifft digital

Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts ist das nahtlose Zusammenspiel von digitalen Angeboten und der klassischen, persönlichen Vermittlung. Auf der einen Seite gibt es moderne, digitale Infostelen im öffentlichen Raum, QR-Codes und mobile Inhalte direkt fürs Smartphone, mit denen man sich flexibel informieren kann.

Auf der anderen Seite wird der menschliche Faktor großgeschrieben: Speziell zertifizierte „Natur- und Landschafts-Guides für den unteren Niederrhein“ sind in der Region unterwegs und auch die Menschen in den Museen & Co. vor Ort bringen den Besuchern mit ihren ganz persönlichen, authentischen Geschichten die Einzigartigkeit unserer Heimat näher. Digitale Orientierung trifft hier also auf echte, niederrheinische Herzlichkeit.

Nachhaltigkeit konkret gedacht

Bei der Beschäftigung mit dem Projekt wird schnell klar: Hier wird Tourismus nicht als kurzfristiger Strohfeuereffekt verstanden, sondern als langfristige Verantwortung für die Region. Ein ganzheitlicher Nachhaltigkeitsgedanke bildet das Fundament. Dabei geht es keineswegs nur um die ökologische Verträglichkeit, sondern ausdrücklich auch um die kulturelle Nachhaltigkeit – also darum, unsere regionale Identität aktiv zu bewahren und an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Damit das auch praktisch funktioniert, wurde ein nachhaltiges Freizeitmobilitätskonzept erstellt, das die einzelnen Erlebnispunkte im Kreis Wesel clever miteinander verknüpft. Gut ausgebaute Radwege, der ÖPNV und eine verlässliche digitale Routenführung sollen in Zukunft so ineinandergreifen, dass man das Auto getrost stehenlassen kann. Der Niederrhein bietet dafür mit seiner flachen Landschaft, den kurzen Distanzen zwischen den Natur- und Kulturorten und dem dichten Wegenetz ohnehin die besten Voraussetzungen. Nachhaltigkeit bedeutet hier also auch: Einfach mal entschleunigt unterwegs sein, die Umgebung bewusst wahrnehmen, statt sie nur schnell zu konsumieren.

Zwei Erlebnisorte in Moers

Heute darf ich gleich zwei dieser Erlebnisorte in Moers kennenlernen. Denn sowohl auf der ehemaligen Zeche Rheinpreussen als auch im Moerser Schloss und Park stehen nicht Gebäude im Mittelpunkt – sondern die Menschen, die ihre Geschichte erzählen und damit Vergangenheit lebendig werden lassen.

Schacht IV

Schacht IV – Wo der Bergbau bis heute nachhallt

Schon von Weitem ragt das Fördergerüst von Schacht IV in den Himmel. Es wirkt fast wie ein Wahrzeichen, das über den Stadtteil wacht. Obwohl die Kohleförderung längst Geschichte ist, strahlt dieser Ort noch immer eine besondere Kraft aus. Auch die beeindruckenden Backsteingebäude wirken fast majestätisch und lassen nur erahnen, welche Betriebsamkeit hier einst geherrscht haben muss.

Am Eingang begrüßt mich der „Kumpel“ André Thissen. Schon nach wenigen Minuten wird klar: Hier führt mich heute niemand durch ein Museum, der bloß Daten und Fakten auswendig gelernt hat. Hier erzählt jemand, der im Bergbau gearbeitet hat und ihn weiterhin lebt. Nicht Maschinen stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen. Hier erzählen ehemalige Bergleute von harter Arbeit, Kameradschaft und einem Zusammenhalt, der weit über das Ende des Bergbaus hinausreicht. Wer verstehen möchte, was den Bergbau wirklich ausgemacht hat, sollte denen zuhören, die ihn selbst erlebt haben. Und genau das darf ich heute tun.

Von der Schwarz- und Weißkaue

Nach wenigen Metern bin ich direkt mitten im Geschehen. Ich stehe mit André in einem Bereich, der gleich mehrere Stationen eines Kumpels zusammenfasst. „Hast du schon mal von dem Begriff Kaue gehört?“, fragt mich André und da ich das verneinen muss, folgt direkt die Erklärung. „Das ist der Kleiderschrank der Bergleute. Es gab eine Weißkaue und eine Schwarzkaue. Nach der Schicht ging es in die Schwarzkaue. Dort legten sie ihre vom Kohlestaub verschmutzte Arbeitskleidung ab. Die Kleidung hing in Körben unter der Decke – so konnte sie trocknen und blieb gleichzeitig ordentlich verstaut. In der Weißkaue zogen sich die Bergleute ihre saubere Alltagskleidung an, bevor sie nach Hause fuhren.“

Gemeinsam lassen wir einen der Drahtkörbe nach unten. Während ich einen Blick hineinwerfe, erzählt André von seiner Ausbildungszeit: „Damals, in echten Kauen, hingen die Körbe noch rund acht Meter hoch. Etwa anderthalb Meter neben mir ist einmal einer heruntergefallen.“ Kein Wunder also, dass einem die Ausbilder in der Lehre als erstes sagten, das man in der Schwarzkaue immer sofort den Helm aufsetzen sollte, wie mir André verrät.

Hättet ihr gewusst, dass es bis 1904 noch keine Duschen bzw. Brausebäder gab. Es standen nur Betonbecken zur Reinigung nach der Arbeit zur Verfügung und so breitete sich schnell die Wurmkrankheit aus. In Moers gab es damals direkt Brausebäder.

Bergbauutensilien zum Anfassen

Als ich mich weiter im Raum umschaue, fällt mein Blick auf die unterschiedlichen Grubenlampen. Auch sie erzählen ein Stück Bergbaugeschichte. André reicht mir eines der älteren Modelle. Kaum halte ich sie in der Hand, merke ich, wie schwer sie ist und mir kommt ein kurzes „Ui“ über die Lippen. „Hier ist noch ein Bleiakku eingebaut“, erklärt André mir. „Erst später wurden die Lampen immer leichter. Die Kopflampe, wie viele sie heute vor Augen haben, kam überhaupt erst in den 1960er-Jahren auf.“ Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr jedes eingesparte Gramm den Arbeitsalltag unter Tage erleichtert haben muss.

Gleich daneben geht es um ein weiteres Kapitel des Bergbaualltags: die Arbeitszeitkontrolle. „Früher war jeder Bergmann im Grunde nur eine Nummer“, erzählt André weiter und zeigt die verschiedenen Systeme, mit denen die Ein- und Ausfahrt dokumentiert wurden. Von einfachen Marken über die klassische Stechuhr bis hin zur späteren Erfassung per Chip – auch hier hielt die moderne Technik erst nach und nach Einzug.

Wie groß die Zeche Rheinpreußen einmal war, wird mir erst bei den nächsten Erzählungen bewusst. Rund 4.000 Bergleute arbeiteten zeitweise in Moers, an manchen Tagen fuhren bis zu 3.000 von ihnen unter Tage ein. „Entsprechend viele Lampen wurden natürlich gebraucht“, erinnert sich André. „Es gab einen riesigen Raum, in dem nichts anderes als Grubenlampen untergebracht war.“ Allein diese Vorstellung lässt erahnen, welche Dimensionen der Bergbau damals hatte.

Vorbei an schweren Werkzeugen, wie einem XXL-Schraubenschlüssel oder einem schweren Schlagbohrer, den ich auch kurz anhebe und wieder mein „Ui“ loswerde, lacht André: „Hier ist alles ein bisschen „Ui“. Das waren damals andere Dimension.“

Eine Fahrt in die Tiefe

Wir gehen ein Stück weiter. Vor uns stehen die Schachttore, durch die die Bergleute zur Seilfahrt den Förderkorb betreten haben, um täglich in den Schacht ein- und wieder auszufahren. André erklärt mir, wie genau dieser Ablauf funktionierte. Jede Bewegung war durch Signale geregelt, jeder Handgriff musste sitzen. Erst wenn das richtige Zeichen gegeben wurde, setzte sich der Förderkorb in Bewegung. „Hier, auf Schacht IV, wurden jeweils bis zu sechs Personen pro Etage befördert. Insgesamt 36 gleichzeitig“, erzählt er. „In anderen Bergwerken waren es sogar bis zu 30 je Etage“, erzählt er. „In anderen Bergwerken waren es sogar bis zu 30“, erklärt mir André.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es gewesen sein muss, Tag für Tag in den engen Förderkorb zu steigen und mehrere hundert Meter in die Tiefe zu fahren. Für die Bergleute gehörte diese Fahrt jedoch ganz selbstverständlich zum Arbeitsalltag.

Alles für den Ernstfall

Nur wenige Schritte weiter verändert sich die Atmosphäre erneut. Der nächste Raum ist komplett schwarz geteert. Zunächst halte ich das für ein bewusstes Gestaltungselement der Ausstellung, doch André klärt mich auf. „Genau hier befand sich früher die Notstromversorgung. Damit der Raum möglichst dicht war, wurde alles eingeteert. Dieser Notstrom wurde damals mithilfe großer Glasakkus erzeugt. Einer davon ist heute noch erhalten und ausgestellt.“

Im selben Raum stoße ich auf die historische Grubenrettungsausrüstung. Zu sehen sind unter anderem frühe Atemschutzgeräte, Messinstrumente zur Kontrolle der Luftqualität unter Tage und sogar das erste Wiederbelebungsgerät aus dem Jahr 1908. Beim Betrachten wird mir einmal mehr bewusst, welchen Risiken die Bergleute täglich ausgesetzt waren und wie wichtig eine funktionierende Rettungsausrüstung war.

Fast schmunzeln muss ich dagegen bei einem ganz anderen Ausstellungsstück: der damaligen „Toilette“. Die Lösung war ebenso simpel wie pragmatisch – eine Tonne, darüber ein Holzbalken als Sitzgelegenheit und Zeitungspapier als Ersatz für Toilettenpapier. Komfort spielte unter Tage eben keine Rolle. Es musste praktisch und effizient sein. Und diese Tonne war nicht immer da, ganz am Anfang des Bergbaus wurde vielmehr die Notdurft in Löcher im Boden verrichtet.

Unter Tage – mitten in der Geschichte

Besonders eindrucksvoll geht es weiter – die nachgebauten Stollen. Schon nach wenigen Schritten verändert sich wieder die Atmosphäre. Das Licht ist gedämpfter, die Gänge enger. Plötzlich bekommt man zumindest eine kleine Vorstellung davon, unter welchen Bedingungen die Bergleute damals gearbeitet haben. André zeigt mir ein Leitsprengbild. „Daran haben wir uns beim Streckenvortrieb orientiert. Mehr als drei bis vier Meter am Tag waren in der Regel nicht drin“, erinnert er sich.

Natürlich ersetzt ein Museumsstollen keine echte Schicht unter Tage. Aber genau darin liegt Andrés Stärke. Er vermittelt nicht nur Wissen, sondern Gefühle. Während André erzählt, merke ich, dass es nicht nur um Maschinen oder Kohle geht. Es geht um Vertrauen. Um Verantwortung füreinander. Um den berühmten Zusammenhalt unter den Kumpeln.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte dieses Ortes. Ein Denkmal, das weiterlebt. Zwischen 1904 und 1962 wurden auf Schacht IV nahezu 50 Millionen Tonnen Kohle gefördert. Zahlen, die ich zwar beeindruckend finde, die aber erst durch seine Erzählungen wirklich greifbar werden.

„Körbe fahren“ leicht gemacht

Unser letzter Weg führt uns schließlich in die obere Etage des Fördermaschinenhauses. Schon beim Betreten bleibt mein Blick sofort an der riesigen Fördermaschine hängen. Ich muss unwillkürlich stehen bleiben. Obwohl sie seit Jahrzehnten stillsteht, wirkt sie unglaublich lebendig. Zahnräder, Stahlseile, riesige Trommeln – alles scheint nur darauf zu warten, wieder in Bewegung gesetzt zu werden. 

Ich darf in einem Führerhaus Platz nehmen und die „Körbe fahren“, während mir André erzählt, wie das Ganze hier früher abgelaufen ist.

Geschichte weitererzählt

Was mir an Schacht IV besonders gefällt: Hier wird Vergangenheit nicht konserviert, sondern weitererzählt.

Die ehemalige Zeche ist heute deshalb nicht nur Museum, sondern auch Veranstaltungsort. Zur „ExtraSchicht – Nacht der Industriekultur“ verwandelt sich das Gelände jedes Jahr in eine eindrucksvolle Kulturkulisse mit Lichtinstallationen, Führungen und Feuerwerk. Alte Industriearchitektur bekommt neues Leben eingehaucht – ohne ihre Geschichte zu verlieren.

Und genau das passt für mich perfekt zum Gedanken von Erlebnis.Niederrhein 4.0.

Nachhaltigkeit bedeutet eben nicht nur Naturschutz oder klimafreundliche Mobilität. Nachhaltigkeit bedeutet auch, Erinnerungen zu bewahren. Orte wertzuschätzen. Geschichte sichtbar zu machen.

Als wir das Gelände verlassen und ich noch einmal zurück zum Fördergerüst schaue, verstehe ich, warum dieser Ort einer der Erlebnisorte des Projekts geworden ist. Er erzählt keine perfekte Hochglanzgeschichte, sondern eine ehrliche. Und genau deshalb bleibt sie im Kopf.

Das Moerser Schloss

Moerser Schloss & Schlosspark – Wo Geschichte niemals stehen bleibt

Nach dem Besuch auf Schacht IV könnte der Kontrast kaum größer sein. Eben noch Stahl, Maschinen und Fördergerüst, jetzt alte Bäume, geschwungene Wege und eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt: das Moerser Schloss mit seinem Museum.

Aber vielleicht sind sich die beiden Orte doch ähnlicher als gedacht. Beide erzählen von Menschen. Beide haben den Wandel erlebt. Und beide zeigen, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist – sie entwickelt sich weiter.

Schloss und Schlosspark stehen hier für Veränderung, Aufbruch und dafür, Geschichte immer wieder neu zu erzählen. Zwischen alten Mauern und mächtigen Bäumen wird sichtbar, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschmelzen.

Interaktive Begleitung durchs Schloss

Wie bei meinem ersten Besuch vor fünf Jahren treffe ich Museumsleiterin Diana Finkele im alten Krämerladen aus dem 19. Jahrhundert, der originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Dann geht es direkt in den ersten Ausstellungsraum und auch zu der ersten Besonderheit.

Gräfin Walburgis

Denn allein geht hier niemand durch die Räume: Die Gräfin Walburgis von Neuenahr-Moers höchstpersönlich begrüßt die Besucher. Sie lebte hier vor über 400 Jahren und führt unterhaltsam durch die Geschichte. So viel verrate ich schon mal: Sie hatte kein Glück mit ihren Männern – der erste wurde geköpft, der zweite flog bei einer Pulverexplosion in die Luft. Kinder blieben ihr ebenfalls verwehrt.

Auf den Spuren der Römer

Schon im ersten Ausstellungsraum geht die Reise weit zurück – bis in die Römerzeit. Die Museumsleiterin lenkt meinen Blick auf einen außergewöhnlichen Fund aus der Umgebung des ehemaligen Römerlagers Asciburgium: ein nahezu vollständig erhaltenes Glasservice, das zwischen 50 und 70 nach Christus als Grabbeigabe diente. „Auf dieses Service sind wir sehr stolz. Fast wäre dieser bedeutende Fund in die Hände von Raubgräbern geraten, bevor er rechtzeitig geborgen werden konnte“, erklärt mir Diana. Beim Betrachten der filigranen Gefäße fällt es mir schwer zu glauben, dass sie fast 2.000 Jahre alt sind.

Mitmachstationen für Kinder

Mit Moritz von Oranien auf Zeitreise

Dass Geschichte auch spielerisch vermittelt werden kann, zeigt sich nur wenige Schritte weiter. Hier begegnet mir der Schlosspark-Hase Moritz von Oranien, der gemeinsam mit seinen tierischen Freunden Kinder durch die Ausstellung begleitet. Unterstützt wird er von der spanischen Ente Andreas de Miranda, dem preußischen Fritz von Schwan und der französischen Schnecke Frédéric Escargot. Zusammen nehmen sie junge Besucherinnen und Besucher mit auf eine Reise durch die Moerser Geschichte. Passend dazu laden interaktive Mitmachstationen in Form großer Möhren zum Entdecken, Rätseln und Ausprobieren ein. So wird Geschichte für Kinder nicht nur neu erzählt, sondern kann von ihnen ganz aktiv erlebt werden. Wer aufmerksam hinschaut, entdeckt übrigens schon an der ersten Mitmachstation ein kleines Quiz, bei dem es darum geht, was die Römer an den Niederrhein gebracht haben

Schlösser im Wandel der Zeit

Ein Schloss voller Geschichten

Je weiter ich durch die Ausstellungsräume gehe, desto deutlicher wird, wie eng die Geschichte der Stadt mit ihrem Schloss verbunden ist. Das Grafschafter Museum selbst blickt übrigens ebenfalls auf eine lange Vergangenheit zurück: Bereits 1908 öffnete es seine Türen, nachdem das Schloss bis 1905 noch in Privatbesitz gewesen war.

Auf dem Weg in den nächsten Raum fällt mein Blick auf eine Vitrine mit den Schlüsseln des Schlosses. Sie erzählen auf ihre ganz eigene Weise vom Wandel der Zeit – von schweren, kunstvoll geschmiedeten Schlüsseln bis hin zum heutigen Chip, der die Türen öffnet. Ein kleines Detail, das zeigt, wie sich selbst die unscheinbaren Dinge im Laufe der Jahrhunderte verändert haben.

Vom Aufstieg der Herren Moers

Im nächsten Raum dreht sich alles um den Aufstieg der Herren von Moers und die Verteidigung ihrer Residenz. Diana erklärt, welche Bedeutung das Schloss einst für die Region hatte und wie es gegen Angreifer geschützt wurde. Neben Rüstungen und historischen Darstellungen liegen auch steinerne Kanonenkugeln zum Testen aus. Die erste Kugel geht noch vom Gewicht, die zweite ist schon was schwerer. „Die Steinkugeln wurden später durch Eisenkugeln abgelöst. Das erhöhte die Durchschlafkraft der Geschosse enorm“, erklärt mir Diana. So wird Geschichte spätestens jetzt im wahrsten Sinne des Wortes greifbar.

Von den Herren von Moers

Von der Wehrhaftigkeit geht es weiter zu den Rechten und Privilegien der Grafen. Im Mittelpunkt stehen das Münz- und Stadtrecht – Themen, die das Leben der Menschen damals maßgeblich prägten. Schmunzelnd erzählt Diana: „Bei Dietrich von Moers musste man schon einmal genauer hinschauen, ob die Münzen nicht etwas zu leicht waren.“ Tatsächlich wurde der Edelmetallgehalt der Münzen gelegentlich reduziert.

Persönlichkeiten an einem Tisch

Im nächsten Raum erwartet mich eine lange Tafel, die mit einem eingebauten Schaukasten in der Mitte einen Eindruck vermittelt, wie und was einst bei Hof gespeist wurde. Rundherum blicken die Porträts bedeutender Persönlichkeiten auf die Besucher. Auch Gräfin Walburgis hat hier ihren Platz – gemeinsam mit ihren beiden Ehemännern, Graf von Hoorn und Adolf von Alpen. Während Diana mir die familiären Verbindungen erklärt, die im weiteren Verlauf des Museums und der Geschichte von Moers noch entscheidende Rollen spielen, wandert mein Blick immer wieder auf die Speisen bzw. Knochen in der Tischmitte. Fisch, Geflügel, Muscheln und reichlich Schweinefleisch zeigen, was damals auf einer herrschaftlichen Tafel nicht fehlen durfte.

Besetztes Moers

Doch die Geschichte von Moers kennt nicht nur glanzvolle Zeiten. Auch Kriege und Besatzungen hinterließen ihre Spuren. Im Bereich zum Truchsessischen Krieg erfahre ich mehr über die Zeit, als spanische Truppen die Stadt besetzten. Passend dazu wartet erneut eine der interaktiven „Möhren“ auf die kleinen BesucherInnen. Diesmal gilt es, mit einer kleinen Armbrust ein Ziel zu treffen und Moers symbolisch von den Spaniern zu befreien. Das mache ich jetzt auch und muss direkt schmunzeln. Denn genau wie bei meinem ersten Besuch vor fünf Jahren landet mein erster Schuss direkt einen Volltreffer. Ob Können oder einfach nur Glück? Ich tippe ganz klar auf Letzteres.

Historisch befinden wir uns nach der Befreiung von Moers durch Moritz von Oranien im letzten Amtsjahr von Gräfin Walburgis, die am 25. Mai 1600 verstarb. Da sie, wie erwähnt, keine eigenen Kinder hatte, ernannte sie Moritz von Oranien zum Nachfolger.

Die oranische Zeit

Doch auch die oranische Zeit blieb nicht von Schicksalsschlägen verschont. Wenige Jahre später zerstörte ein verheerender Brand große Teile der Moerser Altstadt. „Mit solchen Feuerlöscheimern versuchte man damals, das Feuer in den Griff zu bekommen“, erklärt mir Diana und zeigt auf eines der historischen Exponate. Daneben steht zufällig ein moderner Feuerlöscher – ein spannender Kontrast, der eindrucksvoll zeigt, wie sehr sich der Brandschutz im Laufe der Jahrhunderte verändert hat.

Nach dem Brand kam es zum Wiederaufbau und passend dazu stehen wir jetzt vor einem riesigen interaktiven Stadtmodell, durch das man sich klicken kann und weitere Infos in Text- und Bildform bekommt. Ich interessiere mich besonders für den Bereich Schlosspark, den ich ja gleich noch besuchen werde, und bekomme einen ersten historischen Einblick.

Durch das elegante Rokokozimmer mit seiner kunstvollen Stuckdecke, das heute sogar als Trauzimmer genutzt wird, gelange ich schließlich in den beeindruckenden Rittersaal. An den Wänden begegnen mir noch einmal die prägenden Persönlichkeiten der Moerser Geschichte – darunter natürlich auch Gräfin Walburgis. Doch damit endet der Rundgang noch lange nicht. Im Grafschafter Museum warten noch viele weitere spannende Geschichten darauf, entdeckt zu werden. Für mich geht es jetzt allerdings erst einmal hinaus in den Schlosspark.

Wenn Vergangenheit lebendig bleibt

Auf dem Weg zum Schlosspark schauen wir uns noch kurz den archäologischen Bereich des Schlosses an, der bei den umfangreichen Sanierungsarbeiten entstanden ist. Dort wurden mittelalterliche Verteidigungsmauern, Schießscharten, Fluchtwege und sogar ein vollständig erhaltener Lehmkuppelofen aus der Zeit um 1200 freigelegt. Es sind genau solche Funde, die deutlich machen, wie viele Jahrhunderte Geschichte sich unter unseren Füßen verbergen.

Diana erzählt mir, dass sich das Museum stetig weiterentwickelt. Neue Ideen, neue Vermittlungsformen und wechselnde Ausstellungen sorgen dafür, dass auch Stammgäste immer wieder Neues entdecken können. Seit 2022 gibt es auch noch eine weitere Dependance des Museums im Haus der Demokratiegeschichte im Alten Landratsamt. Um die Geschichte des 20. Jahrhunderts den Menschen nahe zu bringen, wurde ein ganz anderes Vermittlungsformat gewählt: mittels RFID-Ausweisen nehmen die Besuchenden verschiedene Identitäten ein. Die Menschen brauchen verschiedene Zugänge zu unterschiedlichen Themenbereichen. Genau dieser Gedanke gefällt mir besonders.

Der Grafschafter Musenhof

Für Familien und Schulklassen/Kindergärten lohnt sich übrigens auch ein Besuch im Grafschafter Musenhof. Die mittelalterliche Spiel- und Lernstadt im Kleinformat lädt Kinder dazu ein, selbst in das Leben vergangener Jahrhunderte einzutauchen. Statt nur zuzuschauen, können sie hier in verschiedene Rollen schlüpfen – etwa als Töpfer, Bäcker oder Kaufmann – und spielerisch erleben, wie der Alltag im Mittelalter aussah. Ich finde, genau solche Mitmachangebote machen Geschichte für Kinder besonders greifbar und sorgen dafür, dass ein Museumsbesuch garantiert nicht langweilig wird

Das grüne Herz von Moers

Unser erster Stopp führt uns zum Rosarium, ein schön angelegter Rosengarten, der nach dem Krieg umgelegt und 2010 nochmal erneuert wurde. Während wir weiter in den Schlosspark laufen, in dem auffällig viele Kaninchen hoppeln, erzählt mir Diana, wie sich dieser Ort bis heute verändert hat und warum genau das seinen besonderen Reiz ausmacht. „Moers hat seinen Besucherinnen und Besuchern viel zu bieten. Viele, die zum ersten Mal in Moers besuchen, sind ganz erstaunt. Der Schlosspark ist dabei ein ganz besonderer Ort.“ Ich kann gut verstehen, warum.

Der Schlosspark fühlt sich überhaupt nicht wie eine klassische Parkanlage an. Vielmehr wirkt er wie ein Stück Alltag. Menschen lesen auf einer Bank, Kinder spielen auf den Wiesen und Spaziergänger genießen die Ruhe unter den alten Bäumen.

Der Park im Wandel

Heimatforscher Otto Ottsen schwärmte schon vor fast hundert Jahren von diesem „Kleinod unter den Baumanlagen des Niederrheins“, das mit seinen stattlichen, teilweise extrem seltenen und fremden Baumarten Besucher von nah und fern anlockt. Der erste Teil des Parks wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Auftrag des Fabrikanten Friedrich Wintgens als englischer Landschaftsgarten angelegt – gestaltet vom berühmten Düsseldorfer Gartenarchitekten Maximilian Friedrich Weyhe. Eine letzte bedeutende Vergrößerung der Anlage erfolgte im Süden um 1932 (Massias) im Rahmen eines Wettbewerbs zur Gestaltung eines „Volks- und Bürgerparks“.

Während wir durch die geschwungenen Wege laufen, fällt mir auf, wie harmonisch hier Natur und Geschichte ineinandergreifen. Alte Bäume rahmen den Blick auf das Schloss ein, überall ergeben sich neue Perspektiven. Es ist einer dieser Orte, an denen man automatisch langsamer wird.

öMOXIE

Zu Besuch bei Moxie

Wir nähern uns der Kulturinsel und schon von Weitem fällt der Blick auf ein blaues Kunstwerk, das sich wie ein geschwungener Pinselstrich vom Ufer aus über das Wasser erhebt. Die Skulptur „Moxie“ der Künstlerin Leni Hoffmann misst beeindruckende 4,60 Meter und ist noch bis zum 1. November 2027 Teil des Schlossparks. Das Outdoorkunstwerk ist ein Projekt des Seewerk Museum – Skulpturenpark e. V..

Je näher ich komme, desto spannender wirkt das Werk. Aus jeder Perspektive verändert sich seine Form ein wenig, mal scheint es sich über das Wasser zu bewegen, mal setzt es einen kraftvollen Farbakzent inmitten des vielen Grüns. Genau dieses Zusammenspiel aus Landschaft und Kunst macht den Reiz der Kulturinsel aus. Regelmäßig werden hier zeitgenössische Skulpturen präsentiert, die bewusst den Dialog mit ihrer Umgebung suchen und den Schlosspark immer wieder neu erlebbar machen.

Der Titel „Moxie“ steht übrigens für Mut, Entschlossenheit und Tatkraft – Eigenschaften, die sich auch in der dynamischen Form der Skulptur widerspiegeln. Für mich wirkt sie wie ein Symbol für Aufbruch und Bewegung und bildet einen spannenden Kontrast zur jahrhundertealten Geschichte des Schlosses. Gerade diese Verbindung aus historischer Kulisse und moderner Kunst macht den Spaziergang durch den Schlosspark so abwechslungsreich.

Die grüne Achse

Eine weitere Besonderheit des Schlossparkes ist die grüne Achse: Der Moersbach verbindet den Schlosspark direkt mit den historischen oranischen Wallanlagen, die zwischen 1601 und 1620 gebaut wurden und deren sternförmige Grundstrukturen man bis heute genau erkennen kann. In den Jahren 1971 bis 1979 entstand der südwestlich vom Schlosspark gelegene Freizeitpark. Er entlastet den alten Schlossgarten perfekt, sodass man hier echte, stille Erholung findet. Aus der Ferne sehe ich eine Gruppe mit Menschen, die ihr Sport machen. Direkt daneben befindet sich ein Skulpturenpark.

Wandel als roter Faden

Als wir den Rundgang beenden, wird mir bewusst, was beide Erlebnisorte dieses Tages verbindet: Schacht IV erzählt vom Wandel einer Industrieregion. Das Moerser Schloss erzählt vom Wandel einer Stadt.

Und der Schlosspark zeigt, dass Veränderung nichts ist, wovor man Angst haben muss. Sie gehört zur Geschichte genauso dazu wie die Menschen, die sie gestalten. Und das ist genau die eigentliche Botschaft von Erlebnis.Niederrhein 4.0. Nicht nur Orte sichtbar zu machen. Sondern ihre Geschichten. Und vor allem die Menschen, die sie weitererzählen.

Mein Fazit

Diese beiden Orten haben mir gezeigt, wie unterschiedlich Heimat erzählt werden kann. Auf der einen Seite Schacht IV – ein Ort, an dem der Bergbau bis heute nachhallt und ehemalige Kumpel ihre Erinnerungen weitergeben. Auf der anderen Seite das Moerser Schloss mit seinem weitläufigen Park – ein Ort, der seit Jahrhunderten Wandel erlebt und sich immer wieder neu erfindet.

Und genau darin liegt für mich die Stärke von Erlebnis.Niederrhein 4.0. Das Projekt zeigt nicht einfach Sehenswürdigkeiten auf einer Karte. Es macht die Geschichten dahinter sichtbar. Es bringt Menschen zusammen, die ihre Heimat mit Leidenschaft weitergeben, und lädt dazu ein, den Niederrhein bewusst zu entdecken – mit offenen Augen und vor allem mit offenen Ohren.

Ich merke bei jeder Station dieser Blogreihe aufs Neue, dass der Niederrhein viel mehr zu erzählen hat, als man auf den ersten Blick vermutet. Oft sind es nicht die großen Attraktionen, die einen nachhaltig beeindrucken, sondern die Begegnungen mit den Menschen, die diese Orte prägen und ihre Geschichte lebendig halten.

Moers hat mir genau das wieder gezeigt. Zwischen Fördergerüst und Schlosspark, zwischen Industriegeschichte und historischem Erbe liegen vielleicht nur wenige Kilometer – und doch erzählen beide Orte ihre ganz eigene Geschichte. Zusammen ergeben sie ein Bild vom Niederrhein, das authentisch, vielseitig und voller Charakter ist.

Ich bin gespannt, welche Geschichten mich an den nächsten Erlebnisorten noch erwarten. Denn eines steht für mich schon jetzt fest: Der Niederrhein überrascht mich immer wieder. Und genau das liebe ich an meiner Heimat.